Prolog
Der Regen prasselte schon seit Tagen auf die Dächer der schäbigen Hütten. Nach einem heißen, trockenen Sommer weichte er nun die Wege und Straßen auf. Névers lag einige Meilen nördlich von Brest an der Westküste Frankreichs. Es war eines jener Dörfer, die fast ausschließlich vom Fischhandel lebten. Auf den ersten Blick schien Névers ganz normal und bescheiden zu sein. Neben den Piers gab es einen Marktplatz, wo sich jeden Tag die Fischhändler versammelten und ihre Ware anpriesen. Die Leute kamen aus den nahen Siedlungen und sogar einige angesehene Kaufmänner aus Brest ließen sich hier regelmäßig blicken. Neben dem Geruch von frischem Fisch machte sich hier auch ein allgegenwärtiger Gestank von modrigen Abfällen und verfaulten Innereien breit. Und doch war hier einiges anders. Die Hafenanlagen waren vor einigen Jahren ausgebaut worden und einige neue Lagerhallen wurden errichtet. Neben den Fischkuttern lagen hier nun immer öfter auch große Transportschiffe, die im Auftrag der Krone Soldaten und Lebensmittel nach England transportierten. Schon kurz nachdem die Englischen Truppen in die Bretage einfielen und dort Tod und Schrecken verbreiteten, konnten sie überraschenderweise zurückgeschlagen werden. Der französische König hatte eine große Menge an Soldaten mobilisieren können und war der englischen Flotte auf ihrem Rückzug gleich gefolgt. Nun fand ein erbitterter Kampf im südlichen England statt. Einige Hansestädte waren jetzt in französischer Hand und es sollten noch einige mehr werden. Die Engländer hatten mit so einem Rückschlag nicht gerechnet und so gaben sie alles, ihr Land zu verteidigen. Bereits nach kurzer Zeit mussten die Franzosen auf das einfache Volk zurückgreifen und so wurden Bauern, Handwerker und Arbeiter mit einfachen Waffen ausgestattet und an die Front geschickt um für die Krone ihr Leben zu opfern.
1. Kapitel
Melwas fluchte. Schon das dritte Mal in diesem Herbst hatten die Ziegen in dem schon so oft notdürftig reparierten Zaun eine Lücke gefunden und hatten sich nun aus dem Staub gemacht. Er wusste, wahrscheinlich standen sie in der Nähe an der Straße und machten sich dort über das Gras her. Sollte er sie aber bis zum Beginn der Dunkelheit nicht zurückgetrieben haben, konnte es gefährlich werden, denn im nahe gelegenen Wald gab es viele Wölfe. Melwas war einer der wenigen Bauern, die in Névers lebten. Sein Haus stand am Rande des Dorfes, ganz in der Nähe der gepflasterten Straße, die nach Brest führte. Ihm gehörte ein bescheidenes Stück Land direkt hinter dem Haus und außer den Ziegen tummelten sich dort noch einige Hühner in einem Verschlag und in einem Stall stand eine Kuh. Erst im letzten Jahr nach einer guten Ernte konnte er sie sich auf dem großen Viehmarkt in Brest kaufen. Ein großer Gemüsegarten bildete den Rest seines Grundstückes. Dort wurden Bohnen, Steckrüben und etwas Kohl angebaut. Obwohl einiges davon für den eigenen Gebrauch war, konnte Melwas doch jedes Jahr etwas davon auf dem Markt verkaufen.
Es war einer jener stürmischen Abende, an denen man das warme Haus nur ungern verlässt. Melwas und seine Frau Sophie saßen gemeinsam am Tisch in der Wohnstube. Das Zimmer wurde nur durch das flackernde Licht zweier Kerzen erleuchtet und der Ofen strahlte eine behagliche Wärme ab. Er stand so in der Mitte des Hauses, dass seine Rückseite in einem zweiten Raum für eine angenehme Temperatur sorgte.
Vor einem Jahr im Winter hatte Sophie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Jetzt lag der kleine Cassus in einen Korb gebettet in der Schlafkammer und schlief selig, während Sophie ihrem Mann noch etwas Kohlsuppe gab. Plötzlich hörten sie draußen neben dem Pfeifen des Windes die Stimmen von Männern und das Wiehern eines Pferdes. Es klopfte energisch an die Tür. Melwas stellte seine Schale auf den Tisch, stand auf und ging zur Tür. Er öffnete und erblickte zwei Männer, die wie Soldaten gekleidet waren und dunkle Umhänge trugen. Ein dritter stand ein paar Schritte abseits und hielt die scheuenden Pferde. »Was kann ich für Euch tun?«, fragte Melwas und ließ sie herein. »Wie ist dein Name?«, fragte einer mit dunklen Augen und einer langen Narbe am Hals. »Ich bin Melwas, was wollt ihr hier?« »Du kommst jetzt mit, es werden tüchtige Männer wie du einer bist an der Front gebraucht.« »Aber…«, begann Melwas empört. »Du packst dir jetzt ein paar Sachen ein und dann kommst du mit«, unterbrach ihn der andere. Er hatte blondes, struppiges Haar und sah aus, als hätte er schon eine Ewigkeit nicht mehr geschlafen. »Deine Familie wird eine Entschädigung bekommen.« sagte der mit der Narbe. Er holte einen kleinen Beutel unter seinem Umhang hervor und warf ihn auf den Tische. Es klimperte darin. »Na los, beeil dich!« So schnell die Soldaten aufgetaucht waren, so schnell verschwanden sie auch wieder. Sophie saß alleine am Tische und starrte mit Tränen in den Augen auf den Beutel.
2. Kapitel
Das Feuer im Herd züngelte um die letzten verbliebenen Scheite und spendete der kleinen Hütte noch etwas Wärme zu dieser späten Stunde. Seine Mutter hatte noch etwas Suppe aufgewärmt und Cassus saß nun mit ihr am Tisch. Die täglichen Arbeiten waren erledigt worden und bald würden sie zu Bett gehen. Der Hof war nicht sehr groß, aber trotzdem gab es immer genug zu tun. Cassus hätte so gerne im Dorf eine Lehre als Steinmetz angefangen. Er träumte davon, in einer großen Stadt zu leben und dort die prächtigsten Gebäude zu bauen. Er nahm einen Schluck Wasser und wischte sich den Mund ab. »Cassus, du bist nun schon sechzehn Jahre alt«, sagte Sophie. »Du solltest diesen Hof verlassen und endlich mit einer Lehre beginnen.« »Aber Mutter, wenn ich gehe, was geschieht dann mit dem Hof?« »Mach dir da mal keine Gedanken, ich komme schon zurecht. Du weißt ja, als Vater …«, sie brach ab und fuhr sich durchs Haar. Cassus wusste, dass sie nicht gern darüber sprach. »Ich habe dir nie erzählt, warum er damals verschwunden ist«, begann Sophie. »Es geschah vor dreizehn Jahren. Es war eine stürmische Nacht, genau wie heute.« Sie schluckte und dann begann sie die Geschehnisse in jener Nacht zu schildern. Cassus überkam ein seltsames Gefühl. Plötzlich sehnte er sich danach, zu erfahren, ob Melwas noch lebte und falls ja, wo er jetzt sein könnte. Er hatte seinen Vater ja gar nicht gekannt und ihn aus diesem Grund auch nie richtig vermissen können. Die kleine Familie hätte damals fast den Hof verloren. Nur ein kleiner, für schlechte Ernten zurückgelegter Notgroschen hatte eine Verpfändung verhindern können. »Nun ja«, schloss Sophie ab, »ich konnte ja nicht mein Leben lang darauf warten, dass er zurückkommt.« Cassus kratzte sich am Kopf. »Aber wenn er noch lebt, dann kann ich ihn finden« meinte er nachdenklich. »Nun ja, ich denke nicht dass er die Feldzüge damals überlebt hat, es sind so viele Männer gefallen« antwortete Sophie. »Aber falls du es wirklich versuchen willst, geh zu Kapitän Mador, er kann dir sicher sagen, wo die Soldaten hingebracht wurden.« Draußen pfiff der Wind durch die Ritzen eines alten Schuppens.
Am nächsten Morgen hatte es aufgehört zu regnen, aber die bleigrauen Wolken hingen so tief über den Häusern, dass man meinen könnte, das Kreuz auf der Kapelle würde sie jederzeit aufreißen. Cassus erreichte den Hafen und sah neben den Fischerbooten, die teils erbärmlich aussahen, auch ein großes Schiff mit der französischen Flagge. Dies musste das Schiff von Kapitän Mador sein. Mador diente schon seit vielen Jahren der Flagge und transportierte Soldaten und Lebensmittel nach England. Das Schiff war vor einem Tag eingelaufen und Cassus sah, wie die Seemänner Kisten aus der Lagerhalle holten und ins Schiff brachten. Er näherte sich dem Schiff. Plötzlich schlug ihm jemand herzlich auf die Schulter. »Cassus?! Was machst du denn hier? Mensch, dich hab ich schon ewig nicht mehr gesehen, hm!« Das war Beltane, einer der vielen Söhne von Kapitän Mador. Er war zwei Jahre älter als Cassus und er fuhr schon seit einigen Jahren mit seinem Vater zur See. »Weißt ja, ich hab zu Hause viel zu tun«, erwiderte Cassus. »Ward ihr wieder in England?« »Ja, hm! Dort brauchen sie viele Soldaten zur Zeit. Die Überfahrt war grauenhaft bei dem Sturm, aber wir sollen so schnell wie möglich zurück segeln, hm!« »Wie siehts denn aus?« »Naja, in London sind wir noch nicht« Beltane lachte. »Die Engländer sind verdammte Hunde. Ich glaub die meisten Verluste machen wir wegen den verfluchten Bogenschützen, hm!« Von den englischen Langbögen hatte Cassus schon gehört, ein guter Schütze konnte damit über 1000 Fuß weit schießen. »Sag mal«, fragte er, »Wo ist denn dein Vater? Ich muss mit ihm sprechen.« »Mador bespricht sich gerade mit einem General, später hat er vielleicht Zeit für dich. Jetzt lass uns aber erstmal einen Trinken gehen, hm!« Cassus willigte ein und sie gingen in die Hafenspielunke Zum alten Aal. Eine gute Stunde später standen sie vor Kapitän Madors Kajüte und klopften an. »Herein!« Die Stimme war so rau, wie die mit Muscheln und Algen besetzte Unterseite des Schiffes. Cassus trat hinter Beltane in den kleinen Raum und sah sich um. Die Wände bestanden aus Regalbrettern, die von Papieren nur so überquollen. In der Mitte stand ein Tisch, auch dort stapelten sich Papiere und Karten. Irgendwo dazwischen ein Tintenfass und eine Feder. Auf einem breiten Stuhl saß Kapitän Mador. Er war klein aber sehr kräftig und hatte eine autoritäre Ausstrahlung, die man besser nicht anzweifelte. Mit scharfem Blick sah er Cassus an. »Kann ich was für euch tun?« fragte er. »Ich bin Cassus, ich bin auf der Suche nach meinem Vater. Er wurde vor dreizehn Jahren von Soldaten nach England gebracht. Könnt ihr mir helfen?« Mador lachte ein raues Lachen. »Vor dreizehn Jahren war das? Und er ist nicht zurückgekehrt?« »Nein, wir haben nichts mehr von ihm gehört.« »Ich werde dir mal etwas erzählen«, meinte der Kapitän. »Die Franken haben einfach nicht genug Soldaten gegen die Engländer mobilisieren können. Deshalb begann man vor etwa fünfzehn Jahren damit einfache Männer aus der Bevölkerung aufzulesen und schickte sie mit Waffen an die Front. Die hatten einfach keine Chance. Wer nicht getötet wurde, den haben die Engländer gefangen genommen, gefoltert und schließlich doch umgebracht.« »Und gibt es denn gar keine Möglichkeit, dass er überlebt haben könnte?« Cassus war verzweifelt. »Es ist dir wirklich wichtig, nicht wahr?« Mador blickte nachdenklich auf seinen Schreibtisch. »Ich erhalte ja keine direkten Einsichten in die Berichte von der Front, aber ich habe meine Informanten. Und vor einiger Zeit ist mir zu Ohren gekommen, dass in der Nähe einer kleinen Stadt in Südengland die wir eingenommen haben, eine Art Gefängnis gefunden wurde. Die Gefangenen, darunter auch einige unserer Soldaten mussten dort unter harten Bedingungen arbeiten …« »Dann gibt es Hoffnung?« Cassus’ Herz schlug höher. »Es ist auf jeden Fall nicht auszuschließen, dass es noch andere solcher Lager gibt.« »Ist es möglich, dass ich mit Euch nach England gehe?« Der Kapitän musterte Cassus. »Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Du solltest hier für deine Familie sorgen. Du würdest in England sowieso nicht weit kommen. Ist viel zu gefährlich.« »Aber …« »Nichts aber, ich habe jetzt noch eine Besprechung und dann brauche ich meine Ruhe, der Wind steht gut und wir werden heute Nacht auslaufen. Bitte verlass jetzt mein Schiff.« »Komm jetzt«, drängte Beltane, der bis jetzt nur zugehört und geschwiegen hatte. Cassus verabschiedete sich und verließ mit gemischten Gefühlen das Schiff. Es gab Hoffnung, Melwas könnte in einem dieser Lager arbeiten und am Leben sein. Cassus ging nach Hause und dachte darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass er nach England kommen, seinen Vater finden und ihn befreien könne.
Er fasste einen Entschluss. |