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Vor den Ferien war ich zu einem Mundart-Projekttag in einer Grundschule eingeladen und habe extra dafür eine Geschichte geschrieben, die sich mit lokaler Geschichte beschäftigte. Neuburg nennt sich ja die "Ottheinrichstadt", feierte letztes Jahr 500 Jahre Bestehen der Pfalz Neuburg und ist mächtig stolz auf den kunstsinnigen Pfalzgrafen, der so gar nicht mit Geld umgehen konnte und abserviert wurde, nachdem er jede Menge Schulden gemacht hatte. Sein Ende verbrachte er in Heidelberg. Nur ganz kurz als Info zum Thema Ottheinrich. Das Jagdschloss Grünau liegt ca. 5 km von meinem Wohnort entfernt.
Vielleicht habt Ihr ja ein wenig Spaß an der Geschichte. Lehrer und Kinder waren sehr angetan, zumal die dritten Klassen kurz vorher die Geschichte Ottheinrichs durchgenommen hatten. Das wusste ich aber nicht und es war ein netter Zufall. Und dass ich dann neben meinem Honorar noch eine Flasche Ottheinrichwein bekommen habe auch....
Wie aus einem Küchenjungen ein Hofnarr wurde
Sicher kennen viele das wunderschöne Jagdschloss Grünau bei Neuburg, das Ottheinrich als Hochzeitsgeschenk für seine Braut Susanne hatte bauen lassen. Es steht am Rande des Grünauer Forstes inmitten von herrlichen Wiesen und sein Weiß leuchtet den Besuchern schon von Weitem entgegen.
In früheren Zeiten ging es in diesem Schloss oft lustig und munter zu. Feste wurden gefeiert, die Jagdhörner schallten und die feinen Damen spazierten in noblen Gewändern im Schlosshof umher. Musiker spielten und man drehte sich zum Tanz.
Natürlich gab es auch eine Menge Bediensteter im Schloss, die für die Bewohner und Gäste sorgten. Die Lakaien, das waren hochherrschaftliche Diener in feinen Uniformen, waren sehr stolz, wenn sie bei Tisch servieren durften. Sie strengten sich mächtig an, taten sehr vornehm und verachteten all jene, die in der Küche oder in den Vorratsräumen arbeiten mussten.
Den meisten war das völlig egal. Sie waren froh, wenn sie eine Arbeit hatten, aber Küchenjunge Otti, der eigentlich Otto hieß, ärgerte das sehr. Er hätte zu gern eine rote Uniform mit goldenen Bändern und Knöpfen getragen und die vornehmen Gäste vorzüglich bedient. Außerdem wäre es ihm lieber gewesen, dass sie ihn Otto nannten, aber sein Chef, Küchenmeister Schmalzl, fand, dass dieser Name viel zu vornehm für ihn wäre und Otti einfach besser zu ihm passe.
Wenn keine Feste waren und es am Abend still im Jagdschloss war, übte Otti heimlich das Servieren. Er balancierte Schüsseln, reichte Teller auf den leeren Tisch, stolzierte mit Tabletts umher und fand, dass er der allerbeste Ober wäre. Immer wieder bettelte er Oberhofmeister Nashoch darum, in die Runde der Lakaien auf-genommen zu werden, aber der schüttelte nur entsetzt seinen Kopf mit der grau-haarigen Perücke. „Niemals, niemals werde ich zulassen, dass du dummer Flegel den wunderbaren Speiseraum betrittst.“
Otto war natürlich sauer. So richtig sauer. „Dummer Flegel sogt der zu mir. Dabei woaß der doch gar net, wia guat i bin. Aber i werd des dem scho zoagn…“ Wütend wurstelte er in der großen Schlossküche herum, schälte Kartoffeln und warf diese mit Schwung in eine Schüssel mit Wasser, so dass es nur so spritzte. „Küchenkasperl soll i dene macha. Kartoffischäln. Des is nixn für mi.“
Tag und Nacht überlegte er, wie er zeigen konnte, dass er der allerbeste Diener war. „Vui besser no ois alle andern. I werd des dene Gschnupftn scho beweisn…“ flüsterte er und schälte derweil weiter Kartoffeln und gelbe Rüben, spülte ab oder kehrte die Küche zusammen.
Aber eines Tages schien seine Stunde gekommen. Franzl, im Rang der dritthöchste Diener, war beim Weinholen im Keller ausgerutscht und hatte sich den Fuß verstaucht. Otti, den man um neue Kartoffeln geschickt hatte, fand den armen Franzl auf dem Boden. „Mei, oh mei, was mach i jetzt? Da Nashoch wird mi davohaun, wenn i net bediena ko. Ausgrechnet heit, wo da Johann aa scho krank is.“
Das war die Gelegenheit für Otti. Er blähte sich auf wie ein dicker Frosch und wackelte einige Male bedenklich mit seinem Kopf. „Ja, des is schlimm. Wirklich schlimm. Ganz bestimmt werdn die dich ausstelln. Dann stehst auf da Straß und dei arme Frau und deine arma Kinder miassn verhungern. Schlimm, schlimm!“
Franzl nickte betrübt und rieb sich seinen schmerzenden Fuß. Otti grinste. „Viellleicht kannt i dir ja helfa…“ meinte er und dann flüsterte er Franzl etwas ins Ohr.
Zwei Stunden später setzten sich all die vornehmen Gäste an die lange Tafel. In der Mitte der rechten Seite saßen Ottheinrich und seine Frau Susanna und daneben Edel- und Hofleute, alle in feinstem Gewand. Nashoch stand an der Türe und überblickte den Saal. Dann klatschte er in die Hände und schon reihten sich Diener an Diener, alle mit Schüsseln, Tabletts und Getränken beladen. Niemandem fiel auf, dass dazwischen ein etwas kleinerer Lakai mit zu großer Uniform und grauem Haar war, der vorsichtig eine riesige Suppenschüssel balancierte. Niemand hörte auch sein leises Murmeln: „Oh mei, is die Suppnschüssl schwaar und hoaß. Do verbrennst da ja glatt die Finga. Aber i pack des scho. Des muaß i oafach schaffa….“ Und vorsichtig setzte er Fuß vor Fuß. Freilich war das nicht so einfach, denn auch die Schuhe waren ihm viel zu groß. Er war nur noch sechs Schritte vom Tisch entfernt, als er plötzlich seinen linken Schuh verlor. Schnell schubste er ihn unter den Tisch und humpelte nun mit einem Schuh weiter. Edelfräulein Irmingard quietschte erschrocken, als sie plötzlich etwas unter dem Tisch spürte, aber sie war zu vornehm, um unter die Tischdecke zu schauen.
Derweil war Otti mit seiner heißen Last am Tisch angekommen. Gerade als er die Schüssel auf den Tisch stellen wollte, schubste ihn sein Hintermann und – zack- flog der Deckel der Terrinne im hohen Bogen genau über den Baron von Stangelheim und krachte mitten auf den Tisch. Entsetzt kreischten die Edelleute auf, Ottheinrich runzelte die Stirn und Susanna verbarg ein Kichern hinter ihrem gestickten Taschen-tuch.
Wie angewurzelt blieb Otti stehen. „Entschuldigens scho, aber der do hint hot mi gschubst. I kann fei nixn dafür und außerdem is die Schüssel elendiglich hoaß. Oiso macha s’ amoi a bisserl Platz für mi…“ Er beugte sich über die Gräfin Nobelmeier und schob die Schüssel in die Mitte des Tisches, wobei einige Spritzer der Grießnockerlsuppe auf das Samtkleid der Gräfin spritzten, die entsetzt aufschrie.
„Pass doch auf, du Trampel“, zischte sie und warf ihm einen bitterbösen Blick zu.
„Entschuldigens bittschön, des is mir hoit so passiert. Aber i putz den Fleck von ihrm Gwand glei wieder weg. I hol bloß an Lappn…“ murmelte Otti und versuchte, rückwärts abzutreten. Aber da stand jetzt schon Kilian, der nächste Lakai mit einem Tablett von Gewürzbroten, die zur Suppe gereicht werden sollten. Otti hatte hinten natürlich keine Augen und so stieß er mit dem Ellbogen an das Tablett, von dem Anis-, Koriander- und Kümmelbrot im hohen Bogen durch die Gegend flogen. Kilian wurde weiß wie die Wand und versuchte noch, zu retten, was zu retten war. Aber viel war das nicht mehr. Das Brot lag auf dem Boden verstreut und überall kugelten Körnderl umher.
Haushofmeister Nashoch stand wie versteinert neben der Tür. Er wusste nicht, sollte er helfen oder in Ohnmacht fallen. So etwas war noch nie, noch gar nie, passiert. Er würde diesen Franzl sofort entlassen. Und überhaupt, wie sah der nur aus? Er schien geschrumpft zu sein und seit wann hatte Franzl graue Haare?
Inzwischen versuchte Otti, sich so schnell er konnte zu entfernen. Immerhin wusste er, dass man den Raum nur rückwärts gehend verlassen durfte. Allerdings übersah er Vitus mit dem Wildschweinbraten und so nahm das Unglück noch kein Ende. Er rempelte Vitus mit dem Arm an. Zum Glück konnte der die große Platte noch halten, aber ein paar Tropfen der fetten Soße tropften auf den Boden, auf dem Otti ausrutschte und in voller Länge hinfiel.
Haushofmeister Nashoch war so entsetzt, dass er keine Schritt vorwärts tun konnte, die Lakaien standen wie erstarrt, nur Otti versuchte vergeblich, sich von dem rutschigen Boden zu erheben. „Ja, Himmiherrschaftsseitn, huift mir denn koana? Sehgts doch, dass i nimmer aufsteh ko….“ schrie er verzweifelt und wand sich wie eine Schlange. Die Perücke rutschte ihm vom Kopf und mittlerweile hatte er auch den zweiten Schuh verloren. Nashoch blickte wie vom Donner gerührt auf Otti und schrie dann mit schriller Stimme: „Um Himmels Willen: Das ist ja der Küchenjunge…“
Alle starrten auf das Häufchen Unglück am Boden und auf einmal ertönte ein tiefes, lautes und dröhnendes Lachen. Es kam aus Ottheinrichs mächtigem Körper und schüttelte den Kurfürsten nur so hin und her. Sein Bauch wackelte, sein Bart zitterte und nun konnten sich auch die anderen nicht mehr beherrschen. Der ganze Saal war erfüllt von Lachen und Kichern und man sah genau die Lachtränen in Susannas Augen. Sogar die vornehme Gräfin Nobelmeier kicherte, obwohl das in ihren Kreisen gar nicht fein war, aber wenn schon der Pfalzgraf sich vor lauter Lachen den Bauch hielt, dann durften auch die anderen lachen und kichern.
Otti hatte sich mittlerweile mit viel Mühe vom Boden erhoben, schnappte sich noch schnell die Perücke und versuchte, in einem Saus die Tür zu erreichen. Aber da stand Haushofmeister Nashoch mit puterrotem Gesicht und ehe sich der Küchenjunge versah, hatte der ihn an seinem linken Ohrwaschl gepackt und zog ihn unsanft zu sich her.
„Ungeheuerlich, einfach ungeheuerlich. Das wird er mir büßen. Er kommt für zwei Wochen in den Kerker bei Wasser und Brot, und der Franz gleich mit dazu. So eine Schande.“
Er schüttelte den armen Otti hin und her und der wimmerte voller Angst: „Naa,naa net in den Kerker. Do is ja so finster und außerdem san do Ratzn und Mäus und andere Viecher, vor dene es mir graust. Ois, bloß net in den Kerker. I schäl aa gern jeden Dog no mehra Kartoffi und gelbe Ruam, aber bloß net in den Kerker. Und der Franz kann ja gar nixn dafür. Des war meine Idee, weil sich der Franzl sein Haxn verstaucht hot und er sich gfürcht hot, dass er davogjagt werd. I wollt dem doch bloß helfa und zoagn, wia guat i beim Serviern bin….“
„Nichts da, du Lümmel, es geht jetzt in den Kerker.“ Nashoch schob den Küchen-jungen, der sich heftig wehrte, zur Tür. Da ertönte laut und dröhnend ein „Halt!“
Ottheinrich war aufgestanden und winkte Nashoch mit dem Jungen zu sich.
„Was soll der Bursche im Kerker? Mag er auch kein guter Diener sein, für die Dunkelheit ist er viel zu schade. Ohne seine Tolpatschigkeit hätten wir ganz sicher viel weniger zu lachen gehabt. Und es ist schon eine ganz besondere Sache, einen Pfalzgrafen zum Lachen zu bringen. Darum höre er meinen Befehl: Dieser Bursche wird von mir heute zum Hofnarren ernannt. Er soll uns fortan mit seinen Späßen unterhalten und Freude bringen.“ Er nickte Otti gnädig zu und begann nun endlich mit dem fürstlichen Mahl.
Otti wusste nicht, wie ihm geschah. Froh und erleichtert stolperte er in seinen Strümpfen durch den Saal, rutschte noch einmal in der Soße aus und rannte dann so schnell er konnte zur Tür hinaus.
Soviel ich weiß, wurde er ein sehr guter Hofnarr und nicht selten hörte man die vornehme Hofgesellschaft bei seinen Späßen und Possen herzhaft lachen und kichern.
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